Anonymous – Ein Kollektiv

 

 

 

Einleitung

Anonymous – Auf der einen Seite betitelt als eine organisierte Hackergruppe, die vor nichts zurück schreckt und deren Ziele durch willkürliche Angriffe auf große Unternehmen und Organisationen bestimmt werden. Auf der anderen Seite gerühmt, als ein Phänomen, das in Folge eines kontinuierlichen Zuwachses an Rechtswidrigkeit und Ungerechtigkeit aufgetreten ist und es sich zur Aufgabe gemacht hat, jene Ungerechtigkeit zu beseitigen.

Ziel der vorliegenden Arbeit soll es sein, die Frage nach der Identität Anonymous‘ zu klären, desweiteren soll eine Bewertung der Bewegung vorzulegen sein, die anhand ihrer Geschichte und Handlungen zu belegen ist.

Die Frage der Identität ist für Anonymous selbst von großer Bedeutung, auf ihr ruht das Schicksal der gesamten Bewegung, die sich in einer Identitätskrise zu befinden scheint. Dicht verbunden mit der Identitätsfrage ist die Frage nach ihren Handlungsmotiven. Die Antworten auf diese Fragen geben Aufschluss darüber, welche Richtung Anonymous in Zukunft einschlagen wird und ob die Bewegung insgemein Bestand haben wird oder durch ihren Identitätsverlust zugrunde geht.

Die Identität bleibt zunächst ungeklärt, doch ihre Taten sind eindeutig: Anonymous schreckt vor keinem mächtigen Gegner zurück. Ihr Kampf gegen die religiöse Bewegung Scientology ist seit Jahren in vollem Gange. Viele bekannte Persönlichkeiten haben sie in ihrem Visier, und sogar dem Islamischen Staat haben sie den Krieg erklärt. Sie erklären Dinge für Unrecht und nutzen ihre Fähigkeiten, um jenes Unrecht zu beseitigen.

 Die Namenlosen setzen sich für jede Art der Freiheit ein. Speziell die Wahrung der Meinungsfreiheit und der Freiheit des Internets liegen in ihrem Interesse. Anonymous setzt sich auch für Einzelpersonen ein. Sie schirmen unrechtmäßige Handlungen von Betroffenen ab und geben ihnen eine Stimme. Auf öffentlichen Plätzen demonstrieren sie, gemäß ihrer Einstellung, vollkommen anonym gegen politische Reformen und mächtige Organisationen.

CC0: https://pixabay.com/de/w%C3%B6rterbuch-fokus-buch-wort-text-1149723/

 

Definition

Zu Beginn ist es nützlich den Begriff Anonymous zu bestimmen. Der Begriff „Anonymous“ selbst stammt vom griechischen „anonymos“ ab und bedeutet soviel wie „namenlos“(Etymologie). Der Name des Phänomens spielt eine große Rolle für die Namenlosen, er spiegelt sich auch in ihren freiheitlich und anonym geprägten Mottos wieder, auf welche im weiteren Verlauf der Arbeit näher eingegangen wird. Es ist zu beobachten, dass die Definitionen für das Phänomen Anonymous in ihren Grundzügen voneinander abzuweichen scheinen.

 Aufgrund dieser Abweichungen ist es ratsam, die Definitionen folgendermaßen zu unterteilen: in die mediale Definition und die intra-subjektive Definition.

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Die mediale Definition bezeichnet die Begriffsbestimmung, die für Anonymous von den Massenmedien ausgehend festgelegt wird. Die in den Medien meist verbreiteten Bezeichnungen für Anonymous lauten: Hackergruppe, Jugend-/Internetbewegung, Kriminelle. Geprägt werden diese stark negativ belasteten Begriffe von den sogenannten Mainstream-Medien¹, die genannte Ausdrücke in zahlreichen Beiträgen und Dokumentationen über Anonymous als Synonyme verwenden. Laut den Medien handelt es sich bei Anonymous um eine organisierte Gruppe, die ihre gemeinsamen Ziele meist mit ihren Hacker-Fähigkeiten durchzusetzen versucht. Ihre Ziele werden meist nicht genannt, währenddessen ihre Vorgehensweise häufig als kriminell eingestuft wird.

¹ moderner Begriff für die Massenmedien.

Gesellschaftliche Wahrnehmung

Aufgrund des „Typus“¹ von Anonymous spielt die gesellschaftliche Wahrnehmung eine große Rolle: Anonymous ist eine progressiv weiter wachsende Bewegung, die immer mehr Leute anspricht, deshalb hängt das Wachstum der Bewegung sichtlich von der Wahrnehmung der Bevölkerung ab. Die gesellschaftliche Wahrnehmung wiederum hängt unmittelbar mit der medialen Definition zusammen, wie im folgenden Abschnitt erläutert wird:

Die meisten Bezeichnungen, die in den Medien für das Phänomen benutzt werden, sind von einer negativen Konnotation begleitet. Oftmals fallen neben weniger harmloseren Bezeichnungen auch Bezeichnungen wie „Internet-Terroristen“, womit dem Konsumenten augenblicklich ein negativer Eindruck der Bewegung suggeriert wird. Konsumenten eines beliebigen Nachrichtenmediums, die sich wenig oder kaum mit dem Thema Anonymous beschäftigen und ihr Wissen lediglich von den Mainstream-Medien beziehen, werden rasch einige der Begriffe in ihrem Gedächtnis verankert haben, ohne sich darüber im Klaren zu sein. Hinter diesem Verhalten steckt das Vertrauen des Konsumenten in die Berichterstattung, der diese als seriös und sachlich einstuft. Dieses Vertrauen der Menschen kann allerdings missbraucht werden, was den Medien, die als Bindeglied zwischen den politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Ereignissen und der Bevölkerung stehen sollten, ermöglicht, als ein Apparat der „Meinungsmache“[1] fungieren zu können. Dies kann vor allem bei erhöhtem Medienkonsum, wie es in Deutschland der Fall ist, auftreten. In der folgenden Statistik wird der durchschnittliche Fernsehkonsum der deutschen Bevölkerung pro Tag veranschaulicht.

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Fernsehkonsum pro Tag in den Jahren 1997 bis 2015

Da sich das Konsumverhalten immer weiter in diese Richtung bewegt, wird dieser Apparat konsequent stärker und gewinnt somit immer mehr an Einfluss. Folge dieser Meinungsmache kann es sein, dass die Meinungen, die in den Medien verbreitet werden, auf kurze oder lange Sicht das Bild der Menschen formen werden. Daraus lässt sich die Schlussfolgerung ziehen, dass die allgemeine mediale Definition in großen Teilen deckungsgleich zur Definition der Konsumenten, also der Bevölkerung ist. Häufig spricht man bei den Massenmedien von der sogenannten „vierten Gewalt“², die neben der legislativen- exekutiven- und judikativen Gewalt ein fester Bestandteil unserer Systemform ist und unter anderem Einfluss auf die Politik nimmt.

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¹ Ausprägung

² informelle Bezeichnung

[1] Müller, Albrecht: Meinungsmache. Wie Wirtschaft, Politik und Medien uns das Denken abgewöhnen wollen, 2009

 

Intra-subjektive Definition

Die „intra-subjektive Definition“ beschreibt die Definition, die sich die „Anons“¹ selbst geben. Der Begriff leitet sich demnach von der innerhalb (intra) von Anonymous vorkommenden subjektiven Sichtweise ab.

„Anonymous ist keine Gruppe von Hackern. Anonymous ist nicht einmal eine Gruppe. Anonymous ist eine Lebenseinstellung, ein Gedanke, eine Idee. Anonymous ist Meinungsfreiheit. Anonymous ist nicht politisch. Anonymous ist nicht die Verbraucherzentrale.“ (Du bist Anonymous, 03.05.2016, du-bist-anonymous.de/inhalt

Hierbei ist hervorzuheben, dass Anonymous sich grundsätzlich von Begriffen wie Hackergruppe oder Internet-Terroristen distanziert. Begriffe wie Lebenseinstellung, Gedanke oder Idee werden favorisiert und sind deshalb auch meistens anzutreffen.[1]  Dies äußert sich auch in der inneren Struktur – sie ist nicht vorhanden. Anonymous hat keine festgelegte Hierachie. Sie haben sich auch nicht auf eine einheitliche Agenda geeinigt, laut Aussagen der Aktivisten ist es nicht einmal möglich Anonymous beizutreten. „Du bist Anonymous, oder du bist es nicht“ heißt es oft, was soviel bedeutet wie: „Du entscheidest, ob du (ein Teil von) Anonymous sein willst.“ Aufgrund der nicht vorhandenen Hierachie gibt es bei Anonymous keinen Anführer und auch keine Presseabteilung. Aus diesem Grund haben es sich eine große Anzahl an Aktivisten zur Aufgabe gemacht, Informationen über Anonymous und deren Identität beziehungsweise Ziele zu verbreiten. Häufig weichen die verschiedenen Informationen in Details voneinander ab, dennoch sind grundlegenden Informationen einheitlich formuliert: Anhänger von Anonymous sehen sich selbst nicht als einen Teil einer Gruppe, sie beschreiben Anonymous viel mehr als eine Lebenseinstellung, welche die Menschen verbindet. In diesem Gedanken enthalten ist die Vorstellung, ein gemeinsames Ziel zu verfolgen, ohne seine Mitstreiter zu kennen. Hier kommt die Anonymität der Teilnehmenden ins Spiel: Keiner kennt den anderen persönlich. Man weiß zwar, dass man sich im Internet auf andere Gleichgesinnte einlässt, allerdings bleiben die Privatleben eines jeden rätselhaft. In zahlreichen Postings und Blogs veranschaulichen sie diese Anonymität, die innerhalb von Anonymous vorherrscht:

 Anonymous bezeichnet sich selbst also als einen losen Zusammenschluss von Internetnutzern.[2] Insbesondere grenzen sie sich von den stereotypischen Bezeichnungen der Massenmedien ab, wie bereits beobachtet:

„Sicher gibt es auch Hacker, aber ein großer Teil von Anonymous verbreiten Informationen weiter oder beteiligen sich an verschiedenen Aktionen, erstellen Videobotschaften, schreiben Texte, verteilen Flyer.“ (Was genau ist Anonymous?, https://www.youtube.com/watch?v=4BLMDhPWRx0)

Hier werden die Vorgehensweisen der Anonymous Bewegung beschrieben, im Vergleich zu den medialen Aussagen, es handle sich um eine Hacker-Vereinigung, entgegnet Anonymous mit einer gegenteiligen Aussage. Es sei nur ein kleiner Teil der Bewegung tatsächlich in der Lage, Computersysteme zu durchbrechen. Der breite Teil der Bewegung verbringt seine Zeit damit, Informationen zu teilen, um auf Entwicklungen aufmerksam zu machen, die beispielsweise die Freiheit des Internets zu bedrohen scheinen.[3] Desweiteren sprechen sie von Anonymous als eine lose Zusammensetzung von Internetnutzern, die in ihrer Summe eine Gemeinschaft, ein Kollektiv bildet. Die Folgen dieser losen Zusammensetzung, welche unter anderem das Image der Bewegung stark beeinflussen, werden im Kapitel „Facebook Seite ‚Anonymous'“ betrachtet.

 

¹ eine Bezeichnung, die sich Anonymous Aktivisten geben

[1] Nagels, Philipp, Hacker mit geschlossenem Visier: Wer ist Anonymous? Und was wollen die?, 19.11.2015, http://www.businessinsider.de/wer-ist-anonymous-was-wollen-die-2015-11

[2] Jansen, Frank; Sauerbrey, Anna, Hacker stellen Rechte an den Internet-Pranger, Der Tagesspiegel, 04.01.2012, http://www.tagesspiegel.de/politik/anonymous-angriff-hacker-stellen-rechte-an-den-internet-pranger/6016690.html

[3] Anonymous – Was ist ACTA? – #StopACTA, https://www.youtube.com/watch?v=9LEhf7pP3Pw

 

Soziale Zusammensetzung

Die soziale Zusammensetzung Anonymous‘ ist aufgrund der Anonymität statistisch nicht nachweisbar, daher ist auf die Aussagen der Anonymous Aktivisten zu schauen. Es handelt sich bei Anonymous um einen losen Zusammenschluss von Internetnutzern, was impliziert, dass keine Voraussetzungen vorhanden sind, die das Zugehörigkeitsgefühl einschränken. Man müsse lediglich den Willen und die nötige Motivation mitbringen um sich als Anonymous identifizieren zu können. In zahlreichen Videos, die von Aktivisten hauptsächlich auf der Video-Plattform YouTube hochgeladen werden, berichten sie über die Zusammensetzung:

„Wir kommen aus allen Schichten der Gesellschaft: Wir sind Studenten, Arbeiter, Angestellte, Arbeitslose, wir sind jung oder alt, wir tragen elegante Kleidung oder 08-15-Klamotten, wir sind Hedonisten, Asketen, Freude, Fahrer oder Aktivisten. Wir kommen aus allen Rassen und Ländern.“ Wir sind viele. (Anonymous – so könnt ihr mitmachen,  https://youtu.be/GAZjholPQwg?t=1m38s)


Jeder kann bei Anonymous mitmachen – so die Aussage dieses Auszuges. Aktivisten, die Anleitungen erstellen, bei denen erklärt wird wie man Anonymous wird, haben sich der „Operation New Blood“ (=Operation neues Blut) angeschlossen. Ziel dieser Operation ist es, auf das Kollektiv aufmerksam zu machen und um die Idee Anonymous‘ zu verbreiten. Auf die Operationen wird in einem der folgenden Kapitel eingegangen.

 

Geschichte

Der Ursprung Anonymous‘ liegt in sogenannten „Imageboards“¹. Die Entstehung des ersten Imageboards mit der Anonymous-Idee ist in Japan zu lokalisieren, allerdings verbreitete sich die Idee schnell und drang somit auch in die englischsprachige Internetwelt ein. Das Imageboard Namens „4chan“ entstand. In diesem Internetforum werden täglich Tausende von Bildern und „GIFs“² zu allen möglichen Themen hochgeladen. 4chan ist in mehrere Foren gegliedert, beispielsweise existiert ein Forum ausschließlich für Essen und Kochen, ein anderes befasst sich mit Geschichte und wiederum ein anderes mit Videospielen. Jeder Nutzer, egal ob Kommentierender oder „OP“³, wird der Titel „Anonymous“ verliehen. Gekennzeichnet werden die Nutzer lediglich mit einer neunstelligen Nummer, die sich mit jedem Beitrag ändert. Es herrscht also absolute Anonymität auf 4chan. 

Die Beiträge selbst handeln oft von sogenannten „Memes“, die ihren Ursprung ebenfalls auf 4chan fanden und das Internet bis heute prägen. Bei einem Mem handelt es sich um ein Phänomen, das die Menschen erreicht und somit zu einer kulturelle Einheit der Menschen führt. Bekannte Beispiele für diese Internetphänomene sind unter anderem Katzenfotos, bei denen beliebige Texte hinzugefügt werden. Sie sind bekannt unter dem Namen „I can haz Cheezburger“. Die Texte sind mit Bedacht grammatikalisch fehlerhaft, das ist eben der Witz, an diesem speziellen Mem.[1] Allerdings können nicht eingeweihte, außenstehende Personen, von so manch einem Mem böse überrascht werden. Nicht wenige dieser humorvollen Bilder schaffen es aus der Welt des Internets zu entkommen, indem sie beispielsweise auf Klamotten, oder Taschen gedruckt und verkauft werden.

Im Jahr 2007 entstand ein Mem in den USA, das einen schwarzen Mann im Anzug und mit einem Afro-Look darstellt. Auf dem Bild stand ein Text mit den Worten „Pool’s closed“ (= der Pool ist geschlossen). Ursprung des Mems war eine, von 4chan eingeleitete Aktion, die sich in einem Internetspiel Namens „Habbo Hotel“ abgespielt hatte. Die Zielgruppe von Habbo richtet sich an Kinder, was der Gemeinschaft von 4chan den Anreiz gab, sich einen Spaß mit den Kindern zu erlauben. Habbo Hotel erlaubt es dem Spieler, seinen Charakter individuell zu gestalten, also kam es dazu, dass sich Personen, die sich der Aktion angeschlossen hatten einen schwarzen Charakter mit Afro und Anzug erstellten. Anschließend besuchten sie zu Hunderten das im Spiel vorhandene Schwimmbad und erklärten den virtuellen Pool für geschlossen. Nach dieser Aktion breitete sich das Mem des schwarzen Mannes immer weiter aus, was unter anderem dazu führte, dass einige das Bild, samt des Textes ausdruckten und es an Pools in ihrere Nachbarschaft aufhingen.

Aufregung in den Medien erlangte das Mem, als eine Frau das Bild fehlinterpretierte. Sie kannte den Ursprung des Bildes nicht und nahm an, es handle sich um eine rassistische Botschaft an schwarze Menschen, das ihnen das Baden im Pool untersagen würde.[2] Die Inhalte auf 4chan unterscheiden sich drastisch, trotz der hohen Anzahl an pornographischen Inhalten und Hassbeiträgen, gibt es zahlreiche Beiträge, die sich zu brisanten politischen Diskussionen entwickeln.

¹ Diskussionsforum, auf dem vor allem Bilder geteilt werden

² Graphics Interchange Format (Bilderformat, das Animationen ermöglicht)

³ Original Poster (Ersteller eines Beitrags)

[1] Müller, Sarah, Internet Memes – Erklärung, http://www.helpster.de/internet-memes-erklaerung_188517

[2] Frau fehlinterpretiert Internetmem als rassistisch, https://www.youtube.com/watch?v=qAo7kRDrUmU

 

Ziele

 Aufgrund der nicht vorhandenen Rangordnung des Kollektivs, gibt es keine Persönlichkeit, keine Autorität oder Gruppe, die über die Ziele entscheidet. Die Ziele gehen von einer jeden Person aus, die sich als Anonymous betrachtet. Jede Person setzt sich seine eigenen Ziele, macht das, was sie für richtig hält und lässt, was sie für falsch hält. Trotz dessen weisen sich grundlegende Parallelen der verschiedenen Absichten auf. Die Ziele der Namenlosen lassen sich unter den folgenden Punkten zusammenfassen:

Die Sicherung der Freiheit und der Abschaffung der Zensur. Letzteres richtet sich gegen jegliche Zensur, sei es die Zensur im Internet, oder die Zensur in der Presse.

Anonymous hat es sich zur Aufgabe gemacht, jeden Zensor, Zensurunterstützer, oder Zensurbefürworter zu bekämpfen. So ergab es sich bereits einige Male, dass Anonymous Aktivisten zu einem deutschlandweiten Medienboykott aufriefen. Grund des letzten großen Aufrufs im Jahr 2014, ausgehend von der Facebook-Seite „Anonymous“, war die einseitige Berichterstattung und das schüren des Feindbilds Russlands.[1]

Die Sicherung der Freiheit fixiert sich insbesondere auf die Freiheit des Internets, dem Zuhause der Anonymous Bewegung. Die Freiheit des Internets ist vor allem durch Gesetzesänderungen bedroht, die zum Beispiel vorgeben, dem Schutz des geistigen Eigentums zu dienen.

Im Jahr 2012 wollten eine Vielzahl an Staaten das Handelsabkommen „ACTA“¹ unterzeichnen. Die Formulierungen des Abkommens waren allerdings so vage formuliert, dass man daraus unter anderem eine partielle Zensur des Internets rechtfertigen konnte. Anonymous wehrte sich gegen dieses Abkommen und rief zu Demonstrationen auf, was dazu führte, dass die Verhandlungen über das Abkommen eingestellt wurden.[2]

¹ Anti-Produktpiraterie-Handelsabkommen, nach Wikipedia, https://de.wikipedia.org/wiki/Anti-Counterfeiting_Trade_Agreement

[1] Anonymous ruft zu Medienboykott auf, 21.März 2014, https://www.contra-magazin.com/2014/03/anonymous-ruft-zum-medienboykott-auf/

[2] Anonymous – Was ist ACTA? – #StopACTA, https://www.youtube.com/watch?v=9LEhf7pP3Pw

 

Operationen

Als Operationen werden die geplanten Zusammenschlüsse zu einem einheitlichen Ziel bezeichnet. Der Begriff wird meist in der Militärsprache verwendet, um einen offensiven Militäreinsatz zu beschreiben. Das Kollektiv benutzt diesen Ausdruck, um eine aggressive, kampfbereite Stimmung zu erzeugen. Meist sind die Operationen aktive Gegenbewegungen oder Widerstände gegen politische und gesellschaftliche Gruppierungen. Dieses Kapitel beschränkt sich dabei auf eine der zahlreichen Operationen von Anonymous, auf die Operation „Projekt Chanology“.

Im Februar des Jahres 2008 wurde ein Video auf YouTube veröffentlicht, in dem sich der berühmte Schauspieler Tom Cruise positiv über die kontroverse Bewegung „Scientology“ äußert. Scientology reagierte auf das Video, indem sie die Betreiber von YouTube aufforderten, das Video aufgrund einer Urheberrechtsverletzung zu beseitigen. Anonymous sah das Vorgehen auf Seiten von Scientology als ein Versuch der Zensur an, woraufhin das „Projekt Chanology“ geboren wurde. Mitglieder des Projekts legten anfangs einige Dienste der Scientology Webseite lahm, als sich Scientology dagegen schützen lies, gingen die Aktivisten einen Schritt weiter und demonstrierten gegen die Scientologen, zunächst lediglich vor den Gebäuden der Scientology. Die Demonstrationen gewannen schnell an Aufmerksamkeit und verbreiteten sich dementsprechend schnell. In nur wenigen Tagen breiteten sich die Demonstrationen auf über 10 Länder aus. Die Folgen der Demonstrationen sind bis heute spürbar für die Scientologen, der Ruf der religiösen Bewegung verschlechterte sich immer mehr. Bei den Demonstranten trugen die Teilnehmer durchgehend Masken, um ihre Identität geheim zu halten, da sie Angst vor Verfolgung der Scientology-Kirche hatten. Eine der meist getragenen Maske während der Demonstrationen war die „Guy Fawkes Maske“.[1]

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Guy Fawkes Maske

Sie ist das Markenzeichen der Anonymous-Bewegung.  Der Ursprung der Maske ist auf den englischen Widerstandskämpfer Guy Fawkes zurückzuführen, der am 5. Mai 1605 die Sprengung des britischen Parlaments durchführen wollte, um den damaligen König Jakob I. zu stürzen.

Die heutige Version der Maske entspricht der, des Antihelden aus dem Film „V wie Vendetta“. Im Film benutzt die Hauptfigur „V“ die Maske, um die nötige Anonymität zu gewährleisten, die ihm helfen solle, einen Putsch gegen den totalitären Staat durchzuführen.

In beiden Fällen steht die Maske für die Macht der Anonymität, mit der sich politische Widerstände einleiten lassen können. Allerdings identifizieren sich die Demonstranten nicht mit den Verbrechern, wie Guy Fawkes, lediglich die Symboliken der Anonymität und der Zusammengehörigkeit stehen im Vordergrund.[2]

Der Kampf gegen die Scientology Kirche hat aber auch seine Schattenseiten, so erklärte Scientology in einem Video, sie haben tausende Morddrohungen erhalten. Auf diese Anschuldigungen reagierte Anonymous gelassen und bezeichnete die Anschuldigungen als übertrieben.

Ziel der Operation ist bis heute, die Organisation Scientology zu zerschlagen. Weitere Kritikpunkte an der Ideologie der Scientologen sind unter anderem die „geplante Zerstörung der Familienstruktur“, und die gezielte Verbreitung falscher Informationen.[3]

[1] Anonymous (Kollektiv), Wikipedia – Die freie Enzyklopädie, https://de.wikipedia.org/wiki/Anonymous_(Kollektiv)#Projekt_Chanology

[2] Guy Fawkes Maske, http://www.fawkes-maske.de/

[3] Projekt Chanology, http://chanology-wiki.info/

 

Facebookseite „Anonymous“[1]

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Screenshot der Anonymous Facebook-Seite (10.05.2016)

Die auf dem sozialen Netzwerk aufrufbare Seite „Anonymous“ ist mit knapp zwei Millionen „Gefällt mir“ – Angaben eine der größten deutschsprachigen Seiten auf Facebook. Täglich teilen die Betreiber bis zu fünf Zeitungsartikel, Videos, Blogs, oder sonstige Inhalte. Viele dieser geteilten Beiträge erlangen wiederum durch das „Media-Sharing“² der einzelnen Leser eine sehr große Aufmerksamkeit.

Betrachtet man die Beiträge zwischen dem 25. April und 5. Mai des Jahres 2016, so ist eine klare Tendenz der geteilten Inhalte zu erkennen. Insgesamt wurden 25 Inhalte geteilt, welche man in drei Kategorien unterteilen kann.

Die erste zu beobachtende Kategorie ist die regierungskritische Kategorie: Sie ist mit elf der beobachteten 25 geteilten Beiträge die größte Kategorie. Häufig angesprochene Themen sind politische Änderungen, wie „TTIP“³, oder der Umgang mit dem Waffenhandel in Krisengebieten und die deutsche Kriegspolitik im Allgemeinen.

Weitere acht Beiträge waren mit kritischen Inhalten in Bezug auf die Medien geprägt, häufig mit Anschuldigungen der Zensur. Die restlichen sechs Beiträge handelten von sonstigen Dingen, wie zum Beispiel einer Buchempfehlung. Bei der Beobachtung ist ein klarer Trend zu erkennen, die Facebook Seite widmet sich mit großer Aufmerksamkeit der Kritik von politischen und medialen Ereignissen.

Es erregt den Anschein, als stünden Anonymous Aktivisten hinter dieser Seite, doch aufgrund der Tatsache, dass jeder sich als ein Anonymous Mitglied identifizieren kann, können auch Probleme, wie in diesem Fall entstehen:

Einige Anonymous Anhänger, die seit der Geburtsstunde der Bewegung aktiv sind, bezeichnen die Facebook-Gruppe als fern der eigentlichen Idee, die hinter Anonymous steht. In einem YouTube-Video erklärte das Kollektiv, es distanziere sich von den Inhalten der Facebook Seite.[2] Grund dafür sei die von den Betreibern falsche Vorstellung des Kollektivs, die sich unter anderem den Antihelden aus dem Film „V wie Vendetta“ zum Vorbild nehmen, um hinter dem Deckmantel der Anonymität politische Veränderungen zu bewirken. 

Mit dieser Stellungnahme wurde eine schwere Entscheidung gefällt:

Das Kollektiv musste sich von anderen Personen distanzieren, die sich ebenfalls mit dem  Kollektiv identifizieren. In Anbetracht der Reichweite der Seite wird der Ruf der Bewegung stark geprägt, vor allem politische Fragen werden mit der Seite in Verbindung gebracht. 

Die Anonymous Bewegung ist also in sich selbst gespalten, die alten Ideen der Bewegung beginnen an Popularität zu verlieren, während neue Ideen mit der Zeit immer mehr Zustimmung erlangen und die Bewegung in die Richtung einer politischen Bewegung drängen. 

Um Verwechslungen zu vermeiden wird die Anonymous Bewegung, die sich mit den neuen, politischen Grundgedanken identifiziert „Neo-Anonymous Bewegung“ genannt.

² das Teilen von Inhalten in sozialen Medien

³ Transatlantische Handels- und Investitionspartnerschaft, nach Wikipedia, https://de.wikipedia.org/wiki/Transatlantisches_Freihandelsabkommen

[1] Facebook: Anonymous, https://www.facebook.com/Anonymous.Kollektiv

[2] Youtube: Anonymous Deutschland – Stellungnahme zur Facebook Seite, https://www.youtube.com/watch?v=GTm-jvxhN-M


Fazit

Anonymous ist eine in sich gespaltene Bewegung, zum einen existiert die konservative Bewegung, die ihre Grundlagen auf den Ideen der Anonymität, der Freiheit und der Gerechtigkeit festlegt und sich für die Sicherung ihrer Werte einsetzt – zum anderen eine Neo-Bewegung, die alte Prinzipien übernimmt, sich allerdings in die politischen Geschehnisse, außerhalb der konservativen Anonymous Überzeugungen einmischt.

„Durch das, was wir tun, erfahren wir bloß, was wir sind.“ [1]

Man erfährt die Identität eines Menschen, beziehungsweise einer Gemeinschaft, indem man ihre Taten beobachtet. Überträgt man diesen Gedanken auf die konservative Anonymous-Bewegung, so ist eine Bewertung anhand geschehener Ereignisse auszumachen. Die Grundgedanken der konservativen Bewegung seien zu schützen, so lautet das Ziel. Durch ihre zahlreiche Taten wurden diese Ziele bestätigt, wie etwa die Proteste, die aus dem Projekt Chanology hervorgingen.

Die Bewegung mischt sich lediglich in politische Geschehnisse ein, wenn eine dringende Notwendigkeit besteht. diese Notwendigkeit besteht, wenn eine ihrer genannten Prinzipien bedroht werden. Allerdings handelt es sich um eine führerlose Bewegung, die kein niedergeschriebenes Manifest besitzt, auf die sie sich berufen kann.

Die Folge davon ist eine ständige Bedrohung eines Wandels in der Bewegung, wie dies im Moment der Fall ist.

Es bleibt die Frage offen, welche Richtung die Neo-Anonymous Bewegung in Zukunft einschlagen wird.

Die immer weiter ansteigende Popularität der Neo-Anonymous Bewegung könnte dazu führen, dass man in Zukunft von einer politisch geprägten Bewegung spricht, wenn der Name „Anonymous“ fällt. Diese Entwicklung ist nicht ganz auszuschließen, dennoch wird Anonymous nicht verschwinden, denn Anonymous beschreibt einen Grundgedanken, und keine Gruppierung.

Bemüht man sich also, die Bewegung Anonymous zu bewerten, so scheint die Differenzierung der Bewegung in neu und alt unausweichlich. Demonstrationen, wie gegen die Scientology Kirche, haben gezeigt, welche Macht hinter einer anonymen Bewegung stecken kann, vor allem, wenn sie eine politische Richtung einschlagen sollte.

[1] Schopenhauer, Arthur: Die beiden Grundprobleme der Ethik, 1841

 

Quellenverzeichnis

 

21.04.2014, https://www.contra-magazin.com/2014/03/anonymous-ruft-zum-medienboykott-auf/

Schopenhauer, Arthur: Die beiden Grundprobleme der Ethik, 1841

Du bist Anonymous, 03.05.2016, du-bist-anonymous.de/inhalt

Reissman, Ole; Stöcker, Christian; Lischka, Konrad: We are Anonymous. Die Maske des Protests, Wer sie sind, was sie antreibt, was sie wollen, München 2012 (1. Auflage von 2012)

Jansen, Frank; Sauerbrey, Anna, Hacker stellen Rechte an den Internet-Pranger, Der Tagesspiegel, 04.01.2012, http://www.tagesspiegel.de/politik/anonymous-angriff-hacker-stellen-rechte-an-den-internet-pranger/6016690.html

Müller, Albrecht: Meinungsmache. Wie Wirtschaft, Politik und Medien uns das Denken abgewöhnen wollen, 2009

Nagels, Philipp, Hacker mit geschlossenem Visier: Wer ist Anonymous? Und was wollen die?, 19.11.2015, http://www.businessinsider.de/wer-ist-anonymous-was-wollen-die-2015-11

Frau fehlinterpretiert Internetmem als rassistisch, https://www.youtube.com/watch?v=qAo7kRDrUmU

Müller, Sarah, Internet Memes – Erklärung, http://www.helpster.de/internet-memes-erklaerung_188517

Guy Fawkes Maske, http://www.fawkes-maske.de/

Anonymous, https://www.facebook.com/Anonymous.Kollektiv

letzter Besuch aller Weblinks: 11.05.2016

 

Bildquellen

Statista: Durchschnittliche tägliche Fernsehdauer, http://de.statista.com/statistik/daten/studie/118/umfrage/fernsehkonsum-entwicklung-der-sehdauer-seit-1997/

Pixabay:

Titelbild, Anonymous, https://pixabay.com/de/maske-internet-anonymous-globus-1249929/#

Guy Fawkes Maske, https://pixabay.com/de/fawkes-fawkes-maske-mann-anonym-157941/

Wörterbuch, https://pixabay.com/de/w%C3%B6rterbuch-fokus-buch-wort-text-1149723/

Fernseher, https://pixabay.com/de/icon-shannon-fernsehen-rohr-tv-1293234/

Nachwort

Die Beschaffung der Quellen stellten sich aus folgenden Gründen als großes Problem dar: Bei Anonymous handelt es sich um ein Internetphänomen, Aussagen von Anonymous Aktivisten sind deshalb meist nur im Internet auffindbar. Aus diesem Grund musste ich häufig auf Internetquellen zurückgreifen. Die meisten Aktivisten veröffentlichen Informationen in Form von Blogs oder in Form von Videos und legen oft Wissenssammlungen, sogenannte Wikis an.

Außerdem kann aufgrund des losen Zusamenschlusses jeder im Namen von Anonymous Webseiten erstellen und Informationen verbreiten. Die Seriosität der Quellen ist dabei mit Recht zu hinterfragen. Aus diesem Grund mussten Aussagen mehrmals verifiziert werden, um falsche Informationen zu vermeiden. Ein weiteres Problem stellte das mangelnde Spektrum an Literatur zum Thema dar.

 

Benjamin Karadeniz

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